Bookseer
Eine Lesung
Für jemanden, dessen Kinder ausgezogen sind
Der Wäschekorb ist am Donnerstag halb voll.
Sie kochen weiter für vier und frieren die Hälfte ein, ohne es zu bemerken.
Im ehemaligen Kinderzimmer steht ein Bügelbrett, und niemand hat entschieden, dass es dort stehen soll.
Sonntagabend, kurz nach acht, ein Anruf, achtzehn Minuten, freundlich.
Sie haben angefangen, das Radio einzuschalten, bevor Sie den Mantel ausziehen.
Zwanzig Jahre lang war Ihr Tag von jemand anderem eingeteilt, und niemand hat Ihnen gesagt, wann das aufhört.
Ein ganzes Leben
Robert Seethaler · 2014
Andreas Egger verbringt fast achtzig Jahre in demselben Bergtal, und Seethaler braucht dafür gut hundertfünfzig Seiten. Einmal trägt Egger im Schneetreiben einen sterbenden Ziegenhirten ins Tal hinunter, und mehr Aufhebens macht das Buch davon nicht. Von außen sieht so ein Leben klein aus.
Gilead
Marilynne Robinson · 2004
Ein alter Pfarrer in Iowa schreibt seinem nicht ganz siebenjährigen Sohn einen Brief, den der Junge erst als Erwachsener lesen wird: Ames weiß, dass er ihn nicht aufwachsen sieht. Das ganze Buch besteht aus diesem Brief. Ein Pfarrer schreibt ihn, fromm ist er trotzdem nicht; er handelt davon, was ein Mensch einem anderen weitergeben kann, wenn die gemeinsame Zeit knapp bemessen war. Robinson lässt ihn dabei ins Stocken geraten, sich wiederholen, sich für Sätze entschuldigen, die zwei Seiten vorher stehen. So genau hat selten jemand eine Zuneigung beschrieben, die sich nicht mehr durch Anwesenheit zeigen kann, sondern nur noch durch Aufmerksamkeit. Ihren Sonntagabendanruf nimmt dieses Buch ernst.
Die kleinen Tugenden
Natalia Ginzburg · 1962
Elf Essays, darunter einer über die Erziehung von Kindern, in dem Ginzburg behauptet, man solle ihnen nicht die kleinen Tugenden beibringen, sondern die großen. Sie schreibt das als jemand, der weiß, wie es ausgeht. Kurz, unsentimental, und an keiner Stelle tröstlich gemeint.
Beantworten Sie die Fragen und lassen Sie sich vom Orakel lesen