Bookseer Eine Lesung

Für die Zeit nach dem Glauben

Wem fehlt hier eigentlich wer: Ihnen Gott oder Gott Ihnen?

Verschwunden ist nichts an einem bestimmten Tag. Sie sind weiter zu Weihnachten mitgegangen, haben weiter die Hand über den Tisch gereicht, und irgendwann fiel Ihnen auf, dass Sie beim Sprechen niemanden mehr meinen. Erzählt haben Sie es keinem. In Ihrer Familie wäre das ein Vorfall, unter Ihren Kollegen eine Selbstverständlichkeit, über die man kein Wort verliert, und beides ginge an der Sache vorbei. Was Sie vermissen, ist nicht die Lehre. Sie vermissen die Richtung, in die man abends sprechen konnte.

Diese drei Bücher haben Menschen geschrieben, denen dasselbe zugestoßen ist. Geschlossen hat die Frage keiner von ihnen.

Schweigen

Shusaku Endo · 1966

Ein portugiesischer Priester geht 1638 heimlich nach Japan, um herauszufinden, warum sein Lehrer dort abgeschworen hat. Was er findet, sind Bauern, die für ihn sterben, und ein Himmel, der sich dazu nicht äußert. Endo, selbst katholisch und in Japan damit zeitlebens ein Fremdkörper, macht aus diesem Schweigen weder einen Beweis noch eine Prüfung. Er lässt es stehen. Geärgert hat der Roman deshalb beide Seiten, die Gläubigen wie die anderen.

Gilead

Marilynne Robinson · 2004

Ein alter Pfarrer in Iowa schreibt seinem siebenjährigen Sohn einen Brief, weil er den Erwachsenen nicht mehr erleben wird. Verteidigen lässt Robinson ihn nichts. Er beschreibt Licht auf einer Straße, seinen Vater, seinen besten Freund und den Sohn dieses Freundes, der ihm alles vorwirft, was vorzuwerfen ist; eine gute Erwiderung hat er darauf nicht. Einen Rückweg bietet Ihnen dieser Brief nicht an. Er gibt Ihnen eine Sprache dafür, wie ernst die Sache einmal war.

Schwerkraft und Gnade

Simone Weil · 1947

Keine Abhandlung, sondern Notizhefte. Weil schrieb sie zwischen 1940 und 1942 in Marseille, auf der Flucht, und übergab sie beim Abschied dem Bauern und Philosophen Gustave Thibon, der sie nach ihrem Tod ordnete und veröffentlichte. Sie war Jüdin, Philosophin und aus eigenem Entschluss Fabrikarbeiterin, und sie hat sich nie taufen lassen, obwohl sie es wollte: die Tür zu denen, die draußen stehen, sollte ihr offenbleiben. Von dort schreibt sie. Sie unterscheidet zwischen dem, was von selbst nach unten fällt, und dem, was das nicht tut, „Ausnahmen macht allein die Gnade“, und sie behauptet an keiner Stelle, über diese Ausnahme verfügen zu können. Den Abstand zwischen einer Sehnsucht und einer Gewissheit redet sie nirgends kleiner. Deshalb hält das Buch auch dann noch, wenn von den Glaubensinhalten nichts mehr stimmt: Weil hat mit der Leere gearbeitet wie andere mit einem Werkstoff, ohne sie zu füllen, ohne sie zu erklären und ohne sie loszuwerden.

Beantworten Sie die Fragen und lassen Sie sich lesen